Vom nächsten Morgen …

Der Samstag sollte mit einer ca. 14 km langen Einheit von Niederrodenbach nach Neuenhaßlau beginnen. Und leider gab es dann doch den ersten Verlust: Ursula Mogg hatte im Hotel eine Begegnung der besonderen Art mit einem Türpfosten. Die dadurch entstandene Platzwunde an der Augenbraue musste im Krankenhaus versorgt werden, und das medizinische Fachpersonal riet ihr von einer Fortsetzung des Etappenlaufes ab. Ich gebe es nicht gerne zu, aber ein bisschen habe ich sie ja doch beneidet…
Auch der nächste Ausfall sollte nicht lange auf sich warten lassen. Marios Knie muckte. War etwa die Rindswurst daran schuld, die er mittags zur Nudelsuppe aß? Medizinisch durchaus nicht unbeleckt diagnostizierte Birgit ihm kurz und knapp eine "Rindswurstallergie"!

Vom Samstagabend …

Nach der 3. Etappe von Neuenhaßlau nach Gelnhausen freuten wir uns auf die Pasta-Party in Gelnhausens Stadthalle. Eine Tombola sollte auch stattfinden. Hach, ich liebe Tombolas, man kann immer so 'nen tollen Nippes und Tinnef gewinnen! Mario hoffte auf den Freistart fürs kommende Jahr, ahnte aber, dass dieser Preis im besten Fall entweder an Tatjana oder mich gehen würde. Tatsächlich sahnte das RT mal so richtig ab: Uschi Wagner - sie würde bei den letzten beiden Etappen starten und war mittlerweile am Ort des Geschehens eingetroffen - holte sich als erste einen Gutschein von Runners Point ab. Los für Los wurde gezogen, aber die Freistarts bekamen immer die anderen. Dann - Juchu! - war es endlich soweit: Marios Nummer wurde gezogen. Er ist jetzt stolzer Besitzer einer Deckenlampe. Heike übrigens auch. Man kann sagen, das RT hat jetzt die Erleuchtung. Melanie hat ein Portemonnaie oder Schreibset (?) gewonnen und ich darf derweil eine Elektro-Sense mein eigen nennen ;-). Klasse, ungefähr eine Woche zuvor hätte ich mir so ein Ding beinahe gekauft. So muss das doch sein!!! Ein Problem gab's dann aber doch: Wie sollte das sperrige Teil transportiert werden? Unser Auto stand schließlich auf dem Sportplatz in Niederrodenbach…
Abhilfe konnte geleistet werden. Unsere Gewinne landeten vorerst bei Uschi Wagner im Auto. Und sofern Sonntag früh ein Start für Ursula und Mario nach wie vor nicht möglich sein sollte, würden die beiden mit Uschi Wagners schnuckeligem Cabrio unseren "Lkw" in Niederrodenbach abholen.

Der Sonntagmorgen

Angst! Die 4. Etappe. Ehrfurchtsvoll wird sie "Frau Hölle" genannt. Bei mittlerweile 46 absolvierten Kilometern ein fieses Ding mit moderatem Anstieg direkt von Beginn an. Zwischen km 10,5 und 11,5 wird es dann aber so richtig knackig. Danach ist das Gröbste geschafft, wenn man mal die verbleibenden 5,5 km außer acht lässt. Wächtersbach ist erreicht und ich finde Mario im Zielbereich etwas zerknirscht vor. Ursula und er waren tatsächlich in Niederrodenbach, um unser Auto abzuholen. Pech nur, dass sich das Auto ohne Schlüssel keinen Meter bewegen lässt. Der war nämlich in Marios Rucksack geblieben und befand sich gerade auf dem Weg von Gelnhausen nach Wächtersbach ….

Das Ende in Sicht …

Nudelsuppe und Rindswurst, für die Isotone alkoholfreies Weizenbier (ich kann es nicht mehr sehen) - so stärkten wir uns für die letzte Etappe. Mittlerweile ist unser Trupp mit dem Bus von Wächtersbach nach Bad Orb chauffiert worden. Kurz nach dem Start ist auf der 18 km langen Schlussetappe über eine Strecke von 1,3 km ein Anstieg  mit einer Höhendifferenz von 115 m, danach folgt ein Gefälle von 200 m auf 2 km verteilt. Da fliegen die Beinchen! Das machen die Organisatoren des Laufs bestimmt extra, um die Läufer nochmal so richtig zu triezen. Danach wird's öde: plattes, freies Feld. Die letzten Kilometer über den Radweg fallen schwer. Es gibt keine markanten Punkte, die Spannung verliert sich, man läuft einfach so vor sich her. Jetzt wird es aber wirklich langsam Zeit, dass wir in Steinau ankommen. Endlich, DA ist das Ziel! Nur noch wenige Meter entfernt. Die Frau, die mich die letzten paar hundert Meter gezogen hat, versucht, mich vom Gehen abzuhalten. Setz Dir Punkte! Erst bis zur überdimensionalen Reklame-Erdbeere... dann bis zur Stadtmauer... dann - nä, oder?! Die letzen 150 m gehen wirklich nochmal bergauf. Ich hasse laufen, boah ist das toll! Die Widersprüchlichkeit der Empfindungen...
Wie bei den Etappen zuvor warten die anderen Läufer des RT im Zielbereich. Von zu Hause hat sich sogar ein kleiner "Fan-Club" auf den Weg nach Steinau gemacht, um uns Helden die Ehre zu geben. Das Ziel, es ist erreicht. Knapp 82 km liegen hinter uns, hinter mir. Ja, ich habs tatsächlich gemacht: 82 km in 5 Etappen, morgens und nachmittags laufen, 2 Marathon an einem Wochenende und rund 35 km pro Tag!

Die Nachlese

Es war toll! Auf dem Weg zur Dusche war ich doch sehr gerührt, und so stand mir ein bisschen das Wasser in den Augen. Das hat sich bis zum darauf folgenden Dienstag auch nicht geändert, wenn auch aus anderen Gründen: Der blaue Zeh mit dem Zehennagel, von dem ich mich wohl bald verabschieden muss; die im Werden befindliche Blutblase unter dem Ballen (klingt zum Zeitpunkt des Berichtschreibens wieder ab); der zweite blau verfärbte Zeh; die Fußgelenke, die mittlerweile den Umfang meiner Waden erreicht haben, so sehr sind sie angeschwollen…. Ganz zu schweigen von dem Gefühl, von einem Omnibus überrollt worden zu sein.
Ich weiß nicht, ob ich nächstes Jahr wieder dabei bin. Gerne würde ich "es" (den Lauf, die Empfindungen während des Laufes, das lustige Miteinander, das Wir-Gefühl - was auch immer) wiederholen, aber es gibt Dinge, die lassen sich nicht wiederholen. Aber wenn ich mich doch wieder zu einem Start hinreißen lasse, steht eins fest: wir brauchen für 5 Etappen dringend einheitliche Shirts!


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