Draußen wimmelt es an Teilnehmern - von Regen ist nichts mehr zu sehen. Wen da nicht das Kratzen im Hals... egal. Jetzt heißt es erst mal anstellen an der Toilette - wir stellen uns Links an - wir haben doch noch Zeit. Danach langsam umziehen. Was zieh ich eigentlich an? Ich hab alles dabei: lang, kurz, dick und dünn. Die Hose wird auf jeden Fall kurz. Ich probiere mein neues Funktionsunterhemd mit kurzen Ärmeln und darüber mein Funktions-Shirt drüber an und gehe raus zum testen. Passt. Kalle mag es ein wenig wärmer. Seine Entscheidung stand aber ebenso schnell fest. Männer halt. Jetzt nur noch mit der Rolltreppe in den ersten Stock, Tasche abgeben und dann raus an den Start. Vorher noch mal auf Toilette. Die Schlange ist jetzt doppelt so lange - diesmal dürfen wir aber rechts vorbei. Wir sind schnell fertig. Kalle hatte Mülltüten für das Warten im Startblock vorbereitet. Wir haben sie zwar angezogen - wir hätten sie nicht gebraucht. 15 Minuten noch.... Wir sprechen über unsere gemeinsame Vorbereitung und sprechen uns Mut zu, alles Richtig gemacht zu haben. Wir freuen uns übers Wetter und hören dem Ansager zu. Die Topathleten werden vorgestellt. Wir hören gespannt zu. Die Uhr noch mal testen. Und auf einmal beginnt auch schon der Countdown. 10-9-8-7-6-5-4-3-2-1- Kanonenfeuer. Nix passiert. Zwei Minuten später stehen wir immer noch an derselben Stelle. Nun geht's doch langsam los. Bis zur Startlinie können wir gehen. Dann müssen wir laufen. 12.500 Teilnehmer setzen sich in Bewegung. Da kann man nicht mehr gehen.

 Vom Start an ist überall tolle Stimmung. Am Rand stehen mindestens so viele Zuschauer, wie Teilnehmer mitmachen. Schilder und Fähnchen werden hochgehalten. Viele davon sehen wir heute noch öfter. Es wird uns zugejubelt und geklatscht. Die Musik ist in der ganzen Stadt zu hören. Kaum sind wir um die eine Ecke, hört und sieht man schon die nächste Gruppe. Rockbands wechseln sich mit Sambagruppen und Trommlern ab. Wir lassen uns vom Rhythmus anstecken und nehmen das Tempo auf, wie es uns vorgegeben wird. Wir denken weder an das Ziel noch an die Schmerzen, die uns heute noch erwarten werden.

Vor uns liegt die erste km-Markierung. 5:27 Minuten für den ersten km. Selbst wenn wir gewollt hätten, es wäre nicht schneller gegangen. Zu viele Läufer trotz breiter Straßen. Der Puls geht unerwartet hoch. Wir sind zufrieden mit dem ersten km - wir laufen uns langsam warm. Der zweite km in 5:26 Minuten. So schnell können die nicht alle weg. Wir versuchen zusammenzubleiben, werden aber ständig auseinandergetrieben. Es kostet Anstrengung, wieder zusammenzufinden. Der dritte km in 5:13 Minuten. Ich habe meine angepeilte km-Zeit erreicht. Viel früher als erwartet. So kann es weitergehen. Bei km 5 kommen uns Läufer aus einer hinteren Startgruppe entgegen. Wir suchen nach Bernd. Kalle hat ihn auch tatsächlich gesehen. War ja auch nicht so schwer für ihn. Wir rufen ihm zu und wünschen ihm alles Gute für seinen ersten Marathon. Ich habe ihn zwar nicht gesehen - habe aber mal mitgebrüllt...

Im Innenstadtbereich geht alles ganz schnell - ruck zuck sind wir bei km 10. Es wird wohl an der dauerhaft guten Stimmung neben der Strecke liegen. Bei meinem letzten Marathon in Rom hatte ich an der Stelle schon gewusst, welcher Muskel bei km 30 nicht mehr mitspielt. Heute war alles anders. Ich habe meine Muskeln einzeln abgefragt: keine Schmerzen - nix. Dennoch habe ich mir leichte Sorgen gemacht: der Puls ist immer noch unüblich hoch für das gewählte Tempo (ich laufe ohne Messung und kann daher keine genauen Angaben machen) und auch die Atmung war schwerer als erwartet. Jetzt wurde es mir klar: Ich habe mein Asthma-Spray vergessen. Klasse. An alles gedacht, aber das Spray habe ich vergessen. Sofort fällt es mir noch schwerer zu laufen. Ich teile Kalle meine Gedanken mit und spätestens einen km später schicke ich ihn alleine los. Ich wurde zum Risiko für ihn. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich heute in der Festhalle ankommen werde. Ich sehe am Rande die ersten Marathon- Opfer, die von Sanitätern auf den Liegen betreut werden. Wie geht der Tag heute aus? Ich nehme Tempo raus. Ich versuche mich an den Zuschauern und der Stimmung aufzubauen. Aber - hier sind gar keine Zuschauer und Musik ist auch nicht zu hören. Auch keine Trommler. Nix. Ich bin mit meinen Problemen alleine..... Den ersten km, den ich alleine laufe, schließe ich mit 5:09 Minuten ab - den schnellsten bis dahin gelaufenen km. Was soll das denn. Ich habe wahrscheinlich an der falschen Stelle abgedrückt. Geht aber doch gar nicht. Die km sind dick und fett auf die Straße gemalt. Die kann man nicht übersehen. Und falsch gemessen haben die auch nicht. Oder doch. Ich laufe sicherheitshalber noch langsamer: 5:15 Minuten - 5:20 Minuten. Es geht doch....

Die Ruhe an der Strecke bringt mich zum Nachdenken über meine Situation: Die Beine melden volle Betriebsbereitschaft - die Lunge meldet Alarmstufe gelb - der Kopf meldet: "Aufgeben ist heute nicht ausgeschlossen". Ich setzte mir das Ziel, bei km 25 neu zu entscheiden und schaue mir dabei meine Mitstreiter an. Was haben die für Probleme? Die ersten gehen und ich laufe immer noch unter 5:30 Minuten pro km. Zwischenzeitlich kommt von allen Seiten die Nachricht, dass der Sieger eine Wahnsinnszeit gelaufen hat. 02:04:57 Stunden. Die zehntschnellste gelaufene Zeit. Der Frankfurtmarathon gehört nun zu den vier schnellsten Strecken in der Welt! Und noch bin ich dabei.

Dann ein Zwischenruf von einem Körperteil: Die Füße melden sich uns signalisieren Blasengefahr. Ich versuche der Gefahr durch weicheres Abrollen der Füße zu begegnen. Fürs erste hilft es und es geht weiter. Bei km 25 entscheide ich mich, die verbleibende Strecke in 5 km Einheiten aufzuteilen. Was für die letzten 5 km gut war, konnte für die nächsten nicht schlecht sein. Zudem sind es jetzt auch nicht mehr 17 km sondern nur noch drei Einheiten mit Zugabe.... In meinem nächsten Leben werde ich Psychologe.

In Frankfurt Höchst kommt langsam wieder Stimmung auf. Allerdings scheint hier mehr der Schlager und die Volksmusik zu Hause zu sein. Ich habe den Rhythmus trotzdem aufgenommen. Dafür stehen am Rande wieder viele Menschen. Hier werden kleine Straßenfeste gefeiert. Kinder halten Ihre Händchen zum Abklatschen raus. Ich schlage gerne ein. Ich bin für jede Abwechslung aufgeschlossen.

An den Verpflegungsstellen lasse ich mir nun ausreichend Zeit. Ich erinnere mich an Rom. Hier hatte ich mir bei km 38 schon einen Gully ausgesucht, der mein Mageninneres aufnehmen sollte. Es ging dann auch ohne Magenentleerung aber die Zeit war futsch. Heute habe ich an den Verpflegungsstellen weniger ISO und mehr Wasser und Tee getrunken. Das Wasser habe ich immer zum Schluss getrunken und hatte dann nicht mehr den Geschmack des ISO´s bzw. von der Banane im Mund. Den Fehler von Rom wollte ich nicht wiederholen. Nach der Verpflegung war dann auch schon wieder laufen angesagt. Ab km 30 wurden die Zeiten dann langsam über 5:30 Minuten pro km. Während der Verpflegung kamen auch immer noch mal mindestens 30 Sekunden dazu. Wichtiger war: ich laufe noch!

Meine Endzeit für heute war mir seit Wochen egal. Für das was ich trainiert hatte, sollte es für eine Zeit unter vier Stunden reichen. Für mich waren die letzten 60 Meter in der Festhalle wichtiger. Dort wollte ich hin. Mit jedem Schritt weiter, kam mir dieses Ziel wieder in den Sinn.

Als ich wieder in den Innenstadtbereich kam, war mir auch endlich klar: An Aufgeben wird nun nicht mehr gedacht. Im Gegenteil. Die Bands und Combos, die hier heute Morgen schon spielten, haben auf mich gewartet und machen noch mehr Stimmung. Die Zuschauer stehen in Dreier-Reihen am Rande und feuern mich an. Ich laufe mittlerweile einen 6:00 Minuten-Schnitt. Aber nicht weil es nicht schneller geht - ich habe Angst, was zu verpassen. Und ehe ich mich versehe, steht dort schon die km 40 Markierung. Hier habe ich das erste Mal angefangen, meine Gesamtzeit zu errechnen. Ich konnte es kaum klauben: Ich hatte für jeden verbleibenden km über 10 Minuten Zeit um die 4:00:00 Stunden zu unterbieten. Es wird zwar nicht meine Bestzeit aber damit war nach 8 Jahren Marathonpause im zweiten Lauf auch nicht zu rechnen. Dennoch habe ich mich gefreut - vor allem, weil ich bei km 20 kurz vor der Aufgabe stand. Es sollte meine Ü40-Bestzeit werden.

 Um mich rum werden meine Mitstreiter plötzlich schneller. Erst habe ich mich dagegen gewehrt, haben dann aber doch versucht zuzulegen. Es ging sogar leichter, als das 6:00 Minuten-Tempo beizubehalten. Kurz vor km 42 sehe ich den Hammer-Man von Frankfurt. Mir fällt auf, dass ich ihn heute nur gesehen habe und nicht gespürt. Die Muskeln melden nach wie vor guten Betriebszustand. Die Lunge habe ich schon länger nicht mehr gecheckt - im Rückblick bei km 42 stelle ich fest, dass es wohl auch nicht nötig war, mir hier Angst einzureden. Die Blase am Fuß war zwar noch zu spüren - der Schmerz wurde aber nicht schlimmer. Vielen von meinen Mitstreitern ging es schlechter.. Jetzt noch 195 Meter. 135 Meter bis zur Festhalle. Ich biege links ab. Ich sehe das Tor. Fünf Meter davor: Ich bleibe für eine halbe Sekunde stehen und rufe DA IST SIE !!!! und strecke beide Zeigefinger nach oben.

GÄNSEHAUT....

Nächste Vereinsveranstaltung

  • 01.01.2019 | 12.00
    Neujahrslauf

nächster Lauftreff

  • 14.12.2018 | 19.00
    Freitag
  • 18.12.2018 | 19.00
    Dienstag
2014 Running Team Bad Ems
Joomla template by TG